Der Maßstab

Es sollte einen Laden geben, in dem Maßstäbe kaufen kann. Zur Orientierung. Maßstäbe, die einem sagen können, was gut und was schlecht ist, was zu viel ist und was zu wenig, richtig und falsch. Und vor allem, wann es endlich genug ist.

Der Maßstab, den ich in mir drin habe, ist ein ziemlich krankes Exemplar. Er reicht unendlich weit nach oben und ist irgendwo in den Wolken mit "perfekt" bezeichnet. Egal wo ich auf dieser ewig langen Strecke einen Punkt markiere, erhält er immer die gleiche Bezeichnung: "nicht gut genug". Was anderes gibt es eigentlich nicht. Und wenn ich nicht aufpasse, dann falle ich ganz schnell ins Bodenlose.

Ich kenne keine Relationen mehr. Ich bin es gewohnt, mich selbst zu verachten. Ich lebe schon so lange mit dem Gefühl, ich müsste von mir immer mehr und mehr und mehr verlangen. Als würde ich immer noch um die Anerkennung von denjenigen kämpfen, die sie mir sowieso nie geben woll(t)en. Ich kann nicht mehr wirklich sagen, wann ich für etwas genug getan habe. Ich weiß nicht, ob ich dumm bin oder nicht. Ich fühle mich immer nur gehetzt, als müsste ich besser sein, mehr wissen, mehr tun, schneller verstehen, länger durchhalten. Bei jedem Vergleich, den ich anstelle, bin ich der Verlierer, in jedem Bereich, in jeder Situation.

Ich würde das gern abstellen. Die Zweifel, das Zögern, vor allem den Selbsthass, wenn ich meinen utopischen Ansprüchen wieder einmal nicht genügen konnte. Manchmal ist es einfach nur anstrengend, dass man nicht zur Ruhe kommen kann, dass man auch aus absolut gar nichts mehr eine Bestätigung gewinnen kann, da es ja sowieso nicht gut genug war.

Und deshalb würde ich mir gern einen Maßstab kaufen. Oder einen Wegweiser. Wenigstens ein Schild, dass mich in die richtige Richtung schickt. Damit ich nicht immer wieder über dem Abgrund schwebe.

Now playing: Sinamore - The Burning Frame
13.9.10 15:13
 


bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


silbertraum / Website (13.9.10 19:09)
Ich finde Freunde bei diesem Problem sehr hilfreich. Seien es nun Freunde im realen Leben oder hier im Blog, in Foren oder sonstwo. Einfach Menschen, denen man vertraut und bei denen man weiß, dass sie ehrlich zu einem sind - das hat mir oft geholfen, ein Gefühl dafür zu bekommen, was "normal" ist und wann ich übertreibe und dass meine Leistungen sowieso nicht sooo wichtig sind.


SweetestPain (13.10.10 10:02)
Zumindest mich konnten meine Freunde nie überzeugen, dass meine Massstäbe utopisch sind.
Ich kenne das nur zu gut. Aus der Anorexie heraus hat man leider einen Massstab auf der Waage - weniger heisst besser. Leider sind Massstände immer subjektiv... wenn du einen von der beschriebenen im Laden findest, bring mir einen mit

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