Erinnerungen

Ich glaube, ich war in der 9. Klasse, als ich das erste Mal Depressionen hatte. Ungefähr um die Zeit hörte ich auf zu reden und ich hörte auf zu essen. Dafür schloss ich mich in meinem Zimmer ein, weinte stundenlang ohne zu wissen warum und schnitt mir die Arme auf. Manchmal schlief ich ewig nicht und war ruhelos gehetzt. Dann wieder war ich völlig lethargisch und schwänzte die Schule, weil ich den Gedanken nicht ertragen konnte, mich zu bewegen.

Ich brachte damals ein Zeugnis voller Zweien nach Hause (man stelle sich das vor, Zweien!). Meine Mutter, die um meinen Zustand, oder zumindest Teile davon, wusste (mir das aber nie sagte), tat natürlich, was alle Mütter in dieser Situation tun würden. Sie drohte mir mit ernsten Konsequenzen, wenn ich mich nicht zusammenreißen und radikal verbessern würde. Sie legte mir nahe, mit dieser Phase aufzuhören. Sie gab mir zu verstehen, wie wertlos ich für sie war.

Und dann ging sie wieder fort, um meinen Vater anzubrüllen und sich von ihm anbrüllen zu lassen und um lautstark die Dysfunktionalität des Kindes zu thematisieren. Am Ende des Gebrülls kam mein Vater oft zu mir (manchmal kam er aber auch einfach aus heiterem Himmel, um die Sache spannender zu gestalten). Er erzählte mir dann, in einem hysterisch wahnsinnigen Tonfall, wie kurz davor wir seien, alles zu verlieren. Wie schlecht es um uns steht. Er bat mich (schreiend), ich solle netter zu meiner Mutter sein und mich mehr anstrengen. Denn wenn ich nur endlich, endlich netter zu ihr wäre, dann würde sie weiter mit ihm arbeiten und dableiben und es würde nicht alles kaputt gehen. Manchmal beschränkte er sich aber auch darauf zu heulen und zu brüllen, wie gern er meine Mutter umbringen würde (abstechen wie ein Schwein waren seine Worte).

Meine Mutter reagierte darauf am liebsten so, dass sie sich manchmal für eine Weile aus dem Staub machte, weil sie es in dieser Familie (mit dem dysfunktionalen Kind) nicht mehr ertrug, sodass mein Vater wirklich glaubte, es sei alles aus und vorbei, weshalb er noch lauter schrie und tobte. Leider kam sie letztlich aber doch immer zurück und alles begann wieder von vorn.

Ich war mit dieser Situation elends überfordert. Ich wusste, dass etwas mit mir nicht stimmte, aber ich konnte damals nicht richtig ausmachen, was. Mit Sicherheit war es nicht richtig, nicht normal, nicht gesund, sich selbst zu verletzen, aber ich hatte doch keine Worte und kein Gefühl. Ich wusste auch, dass etwas mit meiner Familie nicht stimmte und konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass dieser Zustand mit mir zusammenhing. Damit, dass ich nicht funktionierte und nicht nett genug war. Denn es war immer dieser Zusammenhang, dieses Thema, das zum Gebrüll führte. Eine logische Konsequenz.

Im Rückblick muten viele Ereignisse aus meiner Kindheit noch schlimmer an, als sie es damals vielleicht für mich waren. Weil ich jetzt die Gesamtsituation vor mir sehe. Weil ich um die Hintergründe weiß und die Manipulation erkenne.

Es ist ein schlimmes Gefühl, wenn einem die Eltern nie geholfen haben, aber zumindest kann man sich sagen, dass sie einfach nicht genau gewusst haben, wie dringend diese Hilfe nötig war. Ein unerträgliches Gefühl wird es erst dann, wenn man die Eltern mit der Notlage konfrontiert hat, nahezu um Unterstützung gefleht hat und dann ignoriert wurde.

Es ist auch ein schlimmes Gefühl, in Angst und Unsicherheit aufzuwachsen, weil die Eltern ständig von der finanziellen Notlage reden und man sieht, wie sie deswegen streiten. Allerdings kann man sich sagen, dass sie tun was in ihrer Macht steht, um einem das Leben was man führt, zu ermöglichen. Grausam ist es hingegen, wenn man erfährt, wie viel Geld aus diversen Machenschaften sie beiseite geschafft haben und die Tränen meines Vaters nur aus der Angst herrührten, deswegen aufzufliegen (während man sich selber, in der festen Überzeugung des drohenden Untergangs, verbot zu essen, damit mehr für andere übrig blieb).

Es ist das schlimmste Gefühl, für die Liebe, Anerkennung oder auch nur den Respekt der eigenen Eltern einfach nicht gut genug zu sein. Aber es wird noch viel viel schlimmer, wenn man erkennt, dass die Personen, von denen man sich diese Dinge erhofft, Menschen sind, die selber keinen Respekt verdienen, weil sie Menschen sind, die einem bewusst und mit einer bestimmten Intention immer und immer wieder weh getan haben. Nur geht das Verlangen, das dumme Verlangen, nach dieser einen Liebe einfach nicht weg. Und immer noch, immer noch muss ich mich darüber definieren, dass ich nicht gut genug war.

Niemals. Gut. Genug.

Ich hasse meine Eltern.
13.3.10 21:56


The Weeping Song

Father, why are all the children weeping?
They are merely crying son
Oh, are they merely crying, father?
Yes, true weeping is yet to come

The Weeping Song
15.3.10 05:15


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I feel like a child
crying for nothing
yet my heart
is dying for real

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